Ahimsa – Nicht-Schaden

by | 11 Mrz 2021

Seid gut zu den Menschen, zu den Pflanzen und zu den Tieren!

Auf ahimsa gründet sich der Weg des Yoga. Ohne ahimsa ist alles nichts. Und würde die Mehrheit der Menschen nur diesen ersten Schritt des Yoga-Weges beherzigen, wären wir dem Paradies auf Erden schon sehr nah. Wo wir sorglos gegen ahimsa verstossen, machen wir uns die Welt zur Hölle.

Ahimsa heisst wörtlich nicht verletzen. Nicht in Gedanken, Worten und nicht in Taten. Nicht andere. Nicht uns selbst. Das klingt so einfach und ist doch so schwer. Erst recht in der Welt von heute, in der unser Leben so unübersichtlich vernetzt ist mit dem Leben vieler anderer. Auch wenn wir uns bemühen, keinem Wesen Leid zuzufügen; Wir sind eingebunden in ein verwirrendes Netz aus Wirtschaft und Politik und erkennen nicht, ob und inwieweit unser persönliches Handeln zum Leid der Welt beiträgt. Patanjali dachte bei der Abfassung seiner Schrift wohl an Menschen, die völlig zurückgezogen lebten. Vielleicht konnte er sogar noch berücksichtigen, was Mahavir im 6. Jahrhundert v. Chr. Auf poetisch-radikale Weise so ausdrückte:

«Wahrlich, ich sage: Die ehrwürdigen Heiligen, welche waren, welche sind und welche sein werden, alle sagen sie, sprechen sie, tun sie kund, erklären sie Folgendes: Kein Tier, kein Gewächs, kein höheres Wesen, kein sonstiges Lebendes darf geschlagen, in Befehl genommen, bemeistert, angestrengt oder vernichtet werden. Das ist die reine, beständige, ewige Lehre, von den Wissenden, da sie die Welt begreifen, verkündet.»

Manche Jainas Jainismus – Yogawiki  (yoga-vidya.de) hungern sich zu Tode, um nichts Lebendiges zu essen. Doch kann das zur Befreiung führen? Wir sind aufgerufen zu benutzen, was wir auch auf dem spirituellen Weg niemals aufgeben dürfen; unseren gesunden Menschenverstand. Den brauchen wir, wenn wir ausloten wollen, wo ahimsa beginnen muss und wie weit es reichen kann. Die Frage stösst ins Herz unserer persönlichen Lebensgestaltung. Und die Antwort muss letztlich jeder für sich selbst finden. Aber eines ist sicher: Ahimsa muss weiter reichen, sehr viel weiter, als die Menschen in der Vergangenheit zu gehen willens waren und als sie es gegenwärtig sind. Der traurige Zustand der Welt zeugt davon. Mahavirs Botschaft ist radikal und deshalb kaum lebbar, doch wahrlich liebevoller als das biblische «Macht euch die Erde untertan». Das haben die Menschen immer getan. Und tun sie es weiter, werden sie bald auf tote Landschaften blicken. Der Umgang des Menschen mit der leidensfähigen Kreatur ist bedrückend. Dabei ist doch so einfach zu verstehen, dass jedes lebende Wesen Glück sucht und Leid vermeiden will. Ist nicht das eingeborene Interesse der Kuh, ohne Schmerz und Angst zu sein, genauso legitim wie unser eigenes? Können wir tatsächlich hoffen, einst in Frieden miteinander zu leben, wenn wir ohne Achtung für unsere schwächeren Mitgeschöpfe und die Natur sind, in der wir doch gemeinsam leben? «Töte mich, um zu essen» sagen Cicero, «aber morde mich nicht, um besser zu essen»! Wenn uns schon das blosse Mehr-Wollen von Genuss dazu bringen kann, den Planeten, auf dem wir leben , zu zerstören, wie viel mehr an Gewaltbereitschaft wird wohl zu erwarten sein, wenn in der Folge dieser Ausbeutung menschliche Überlebensinteressen auf dem Spiel stehen? Die Geschichte von Krieg und Ausbeutung ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Es ist an jedem Einzelnen, im Rahmen seiner Möglichkeiten ahimsa zu verwirklichen. Im Falle des inneren Konflikts könnte unsere leitende Frage sein: Rechtfertigen unser Habenwollen oder Nicht-Habenwollen den möglicherweise mit ihrer Befriedigung einhergehenden Schmerz anderer Wesen oder meiner selbst?

                                                                                                                   Patanjalis Yogasutra von Ralph Skuban